Podiumsdiskussion 9. Juni, 19:30 Uhr

Nach einer langjährigen kontroversen Debatte um das Gedenken an Flucht und Zwangsaussiedlungen von Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Ende 2008 vom Bundestag die Einrichtung der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ beschlossen. In dem „sichtbaren Zeichen“, einer Dauerausstellung, soll insbesondere an „das Leid der deutschen Vertriebenen“ erinnert werden. Taktgeber dieser nationalen Erinnerungsoffensive ist seit Jahren der Bund der Vertriebenen (BdV), der unter der Ägide von Erika Steinbach sein revanchistisches Image abstreifen konnte. Der BdV konnte so Reputation hinzugewinnen und den Resonanzbereich für seine Deutung der „Vertreibungen“ bis in die Mitte der Gesellschaft erweitern. Jedoch wird auch unter Steinbach weiterhin eine Analogisierung mit dem Holocaust betrieben. Mit Begriffen wie ‚Völkermord‘ und ‚Todesmarsch‘ wird sprachlich eine Nähe zur NS-Vernichtungspolitik hergestellt. Die ‚Vertriebenen‘ werden kollektiv als „letzte Opfer des Krieges“ stilisiert, wobei Kontext und Vorgeschichte – die aggressive Minderheitenpolitik des Deutschen Reiches, der Vernichtungskrieg und die Besatzungspolitik der Deutschen –ausgeblendet werden. Mit der Schaffung eines Erinnerungsortes soll diese entkontextualisierte und unkritische Perspektive auf die „Vertreibung der Deutschen“ zementiert werden.
Wir wollen die Auseinandersetzungen um das „sichtbare Zeichen“ reflektieren und kritischen Perspektiven, besonders aus Polen, ein Forum bieten. Schließlich wollen wir diskutieren, welche Möglichkeiten politischer Intervention es zum jetztigen Zeitpunkt noch gibt.

Podiumsdiskussion zum Vertreibungsdiskurs in Polen und Deutschland mit folgenden Gästen:

Dr. Eva Hahn (Oldenburg), Historikerin, Mitinitiatorin des Aufrufs „Für einen kritischen und aufgeklärten Vergangenheitsdiskurs
Eva Hahn verfasste zahlreiche Studien zu den deutsch-tschechischen Beziehungen und zur Geschichte des politischen Denkens im 19. und 20. Jahrhundert. Zur Zeit arbeitet sie mit Hans Henning Hahn über die Geschichte der sudetendeutschen Bewegung im 20. Jahrhundert.

Prof. Dr. Robert Traba (Berlin), Direktor des Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften (CBH PAN)
Robert Traba beschäftigt sich als Historiker und Kulturwissenschaftler mit der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte und der Regionalgeschichte des ehemaligen Ostpreußen. Zuletzt konzipierte er die Ausstellung „My, Berlińczycy! Wir Berliner! Geschichte einer deutsch-polnischen Nachbarschaft“, die derzeit im Ephraim-Palais Berlin zu sehen ist.

Dr. Piotr M. Majewski (Warschau), Historiker, stellv. Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk/Danzig.
Piotr Majewski hat sich als Zeithistoriker umfassend mit den deutsch-tschechischen Beziehungen beschäftigt. Er arbeitete u.a. an den Universitäten in Warschau und München. Seit Juni 2009 ist er stellvertretender Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk.

Dienstag, 9. Juni 2009, 19:30 Uhr
Humboldt-Uni, Seminargebäude am Hegelplatz, Raum 1.1.01, Dorotheenstraße 21, Berlin-Mitte [Stadtplan]
S+U Friedrichstraße, Verbindung: VBB fahrinfo - Link (mit Vorbelegung)

Veranstaltet vom Arbeitskreis Geschichtspolitische Interventionen (AGI). Gefördert u.a. durch Netzwerk e.V. & den Solifonds der Hans-Böckler-Stiftung