Archiv der Kategorie 'Aus der Presse'

You never walk alone

Auf einer Veranstaltung „Union der Vertriebenen“ (UdV) – ein Klub von Berufsvertriebenen in der CDU/CSU – war jüngt Hartmut Saenger als Redner eingeladen. Saenger, berühmt geworden durch seine These, Polen sei Mitschuld am Kriegsbeginn 1939, wurde allerdings von Antifa-Aktivisten zwischenzeitlich am Reden gehindert.
Anftia-Aktivisten bei der UdV
Welche Wirkung das Transparent mit der Aufschrift „Gegen Geschichtsrevisionismus und deutschen Opfermythos“ sowie die Flugblätter mit der Überschrift „Deutsche Täter sind keine Opfer!“ beim Publikum hatten, ist nicht überliefert. Der Gießener Anzeigervermerkt lediglich, dass Saenger nach der Störung „äußerlich gelassen“ seine Sichtweise auf die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ darlegte. Die Gießener Allgemeine hingegen berichtet, die „wissenschaftliche Aufarbeitung im Rahmen des Vertriebenenzentrums“ werde laut Saenger zeigen, „ob die Vertreibung, der rund zwei Millionen Deutsche zum Opfer gefallen seien, im Verlauf genozidähnliche Züge angenommen habe“. Ein Schelm wer dabei an eine Relativierung des Holocaust denkt…

Stiftung bröckelt weiter

Der staatlichen Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ läuft weiter das Personal davon. Gestern gab der Zentralrat der Juden in Deutschland bekannt, die Tätigkeit seiner beiden Mitglieder im Stiftungsrat ruhen zu lassen und möglicherweise ganz zu beenden. Grund sind die revanchistischen Positionen zweier stellvertretender Stiftungsratsmitglieder, die der Bund der Vertriebenen (BdV) benannt hatte. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) bezeichnete diese Äußerungen zwar als „für mich nicht akzeptabel“, aber offenbar akzeptabel genug für eine, wie er es nannte, „plurale Zusammensetzung des Stiftungsrates“. Der im Juli per Bundestagsbeschluss von 13 auf 21 Mitglieder erweiterte Stiftungsrat soll am 25. Oktober 2010 seine Arbeit aufnehmen. Neumann kündigte auch vage die Veröffentlichung eines Entwurf für die Konzeption für der geplanten Dokumentationsstätte an.
Update (12.09.2010): Wegen der „geschichtsverfälschenden Behauptungen“ Steinbachs gab heute das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg bekannt, seinen Sitz im wissenschaftlichen Beraterkreis der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ vorerst ruhen zu lassen.

Der Beirat bröckelt…

Dem wissenschaftlichen Beraterkreis oder auch Beirat der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ laufen die Mitglieder davon. Anfang der Woche erklärte die tschechische Historikerin Kristina Kaiserová ihren Rücktritt, Durch die zunehmende Politisierung sei die wissenschaftlichen Arbeit des Gremiums zu sehr beeinträchtigt. Schuld ist aus Sicht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) ein „tendenziöser Bericht“ der Süddeutschen Zeitung. Gemeint ist eine kritische Analyse des Stiftungsprojektes, in der auch die offizielle Unterstützerin des BdV-nahen Zentrums gegen Vertreibungen, Helga Hirsch zu Wort kam.
Heute hat sich nun Hirsch selber ebenfalls aus dem Beirat zurückgezogen. Ihrer Ansicht nach dominiere der parteipolitische Streit die Stiftung und diese sei weder in der Lage, mit den Konflikten umzugehen, noch anderweitig arbeitsfähig. Der Stiftungsdirektor Manfred Kittel sei „einfach überfordert“ und solle zurücktreten, so Hirsch im Deutschlandradio Kultur.
Kulturstaatsminister Neumann (CDU) hat inzwischen angekündigt, dass zumindest der wissenschaftliche Beraterkreis „neu formiert“ wird. Zudem soll am 22. März die „bisherige Arbeit einer kritischen Bewertung unterzogen“ werden.
In einem Kommentar bezeichnete die FAZ die Stiftung inzwischen als „Farce“: Nach dem Ende des Gerangels um Erika Steinbach würden nun „grundlegenden Interessengegensätze“ deutlich: Auf der einen Seite die Institutionalisierung des Gedenkens an Flucht und Vertreibung und auf der anderen Seite die Versöhnung mit Polen. Von anderer Seite wird auf diesen Widerspruch schon seit Jahren hingewiesen. Neu ist, dass er auch in konservativen Kreisen wahrgenommen wird.

Sieg oder Niederlage?

Das unsägliche Gerangel um die Personalie Erika Steinbach scheint zu Ende. Erika Steinbach wird dem Rat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung endgültig nicht angehören – was eigentlich von Anfang an klar war. Und der Preis? Der BdV bekommt sechs statt bisher drei Sitze im Stiftungsrat. Die Zahl der übrigens Sitze wird allerdings auch von zehn auf 15 aufgestockt. Außerdem entscheidet künftig der Bundestag und nicht die Bundesregierung über die benannten VertreterInnen.
Die Zeitungskommentare sind sich uneins, ob das nun eine „schlecht kaschierte Niederlage“ (zeit.de) für Steinbach ist oder ein „Sieg der Unvernunft“ (SPIEGEL online) ist. Wir schließen uns der Einschätzung des Historikers Erich Später an: Der eigentliche Skandal sei nicht Steinbach sondern die inhaltliche Konzeption des Vertriebenenzentrums und die anhaltende staatliche Förderung des BdV, so Später in einem Kommentar in der Frankfurter Rundschau.
Nachtrag (19.02.): „Steinbach ist weg, die Probleme beginnen“, titelt die Süddeutsche Zeitung heute – dem haben wir ausnahmsweise mal nichts hinzuzufügen.

Eine deutsche Angelegenheit?

Tomasz Szarota, einer der rennomiertesten polnischen HistorikerInnen und Experte für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, war bislang der einizge polnische Vertreter im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Gestern erklärte er seinen Rückzug aus dem Gremium, er wolle kein „Feigenblatt“ für dieses deutsche Vorhaben sein. Im eigentlichen Stiftungsrat (der auch tatsächlich etwas mitzuentscheiden hat), waren VertreterInnen aus anderen Staaten ohnehin gar nicht erst vorgesehen. Damit folgt die Stiftung wieder einmal mehr den Ideen von Erika Steinbach, der zufolge es sich eh um eine „deutsche Angelegenheit“ handelt.
Nachtrag [19.01.2010]: Inzwischen hat Szarota seine Entscheidung in einem Interview mit der taz ausführlich begründet. Darin heißt es: „Mir ist nur klar geworden, dass es bei dem Projekt gar nicht um die Versöhnung mit den Polen geht. Diese Phase haben wir ja auch längst hinter uns. Nein, es geht um die Versöhnung der Deutschen mit sich selbst.“ Über die Stiftung sagt Szarota: „Es ist einfach so: Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung ist ein Klon des Zentrums gegen Vertreibungen. […] Mir war nicht klar, dass sich die Bundesregierung das Geschichtsbild des BdV so sehr zu eigen gemacht hat, dass Personal und Konzept des Zentrums gegen Vertreibungen einfach übernommen werden.“

Um Expertise geht’s nicht

Warum es sich manchmal lohnt, spätabends Radio zu hören? Die Erfurter Historikerin Prof. Dr. Claudia Kraft, eine in Deutschland wie Polen gleichermaßen anerkannte Expertin in Fragen der deutsch-polnischen Beziehungen sowie der Zwangsmigration nach dem Zweiten Weltkrieg, machte gestern in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur deutlich, warum sie nichts von der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ hält und folglich auch ihre Berufung in deren wissenschaftlichen Beirat dankend abgelehnt hat.
[Download MP3]

Von friedlichen Deutschen…

…die seelenruhig an allen möglichen Orten in Europa gewohnt haben und dies nun aus irgend einem unerfindlichen Grund nicht mehr tun, handelt die Ausstellung „Die Gerufenen“, organisiert von der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen. Ein kritischer Blick auf die Ausstellung findet sich in diesem Artikel.

Alles in Butter?

So sah es zumindest letzte Woche aus bei einem Treffen zwischen dem deutschen und dem polnischen Kulturminister, die das Europäische Netzwerk „Erinnerung und Solidarität“ wiederbelebt haben, so die Jungle World.

Erst zuhören, dann reden…

…war die Mahnung des polnischen Historikers Jan Maria Piskorski an deutsche Historiker auf einer Veranstaltung des Geschichtsforums 09, wie ein Artikel im Neuen Deutschland berichtet.

Stiftung nimmt Arbeit auf

Die bundeseigene Stiftung mit dem schönen Titel „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ hat heute offiziell ihre Arbeit aufgenommen. Der BdV sah sich gleich genötigt festzustellen, dass aus seiner Sicht Erika Steinbachs Sitz im Stiftungsrat nur vorübergehend leer beiben soll. Der Verband hofft ab Herbst auf eine Bundestagsmehrheit ohne Sozialdemokraten.

Update (23.05.): Laut Spiegel-Online hat die Hardcore-Fraktion der CSU sich unionsintern durchgesetzt: Im Bundestagswahlprogramm der Union soll die Forderung nach einem Stiftungsratssitz für Steinbach enthalten sein.