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Um Expertise geht’s nicht

Warum es sich manchmal lohnt, spätabends Radio zu hören? Die Erfurter Historikerin Prof. Dr. Claudia Kraft, eine in Deutschland wie Polen gleichermaßen anerkannte Expertin in Fragen der deutsch-polnischen Beziehungen sowie der Zwangsmigration nach dem Zweiten Weltkrieg, machte gestern in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur deutlich, warum sie nichts von der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ hält und folglich auch ihre Berufung in deren wissenschaftlichen Beirat dankend abgelehnt hat.
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Ein gelungener Coup

Ein Jahr nach dem Bundestagsbeschluss zur Gründung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung ging am 8. Dezember 2009 die Website der Stiftung online. So dachten zumindest zahlreiche Journalist/innen, u.a. von der deutschen presseagentur (dpa). In einer Pressemitteilung, die dpa verbreitete, erklärte der angebliche Pressesprecher der Stiftung, Dr. Roert Eckhäuser, der Stiftungsrat solle „um drei Personen mit aktuellem
Flüchtlingshintergrund“ erweitert werden, „um so die Handlungs-, Kompetenz- und Glaubwürdigkeitschancen der Stiftung weiter zu erhöhen“. Schließlich sei die Aufgabe der Stiftung die „Wahrnehmung der Interessen von Flucht, Vertreibung und Aussiedlung betroffener Menschen in aller Welt. Derzeit gelten mindestens 42 Millionen Menschen als Flüchtlinge und mindestens fünfmal so viele als Vertriebene.“ – So hieß es auf der Website, die für knapp einen Tag unter www.bundesstiftung-fluchtvertreibung.de zugänglich war.
Doch schon bald stellte sich heraus, dass es sich um ein Fake handelt. Hinter Eckhäuser verbirgt sich Philipp Ruch, Mitinitiator der Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit. Unter neuer Adresse ist die Website – nebst Reaktionen – noch immer zugänglich.
Nachtrag [Januar 2010]: Eine Offizielle Website der Stiftung gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Inzwischen ist diese unter www.sfvv.de erreichbar.

Steinbach hat Besuch bekommen

„60 Jahre Vertriebenenpolitik – Von Konrad Adenauer bis Angela Merkel“ wollte der Bund der Vertriebenen (BdV) zusammen mit der Bundesregierung in Berlin feiern . Da wollte natürlich auch der Pink Rabbit gerne mit dabei sein und wurde von Steinbach & Co. sogar eingeladen. Was dann passierte, kann man in dem Video hier sehen. Dazu noch ein Hintergrundtext und die Pressemitteilung vom Pink Rabbit.

Von friedlichen Deutschen…

…die seelenruhig an allen möglichen Orten in Europa gewohnt haben und dies nun aus irgend einem unerfindlichen Grund nicht mehr tun, handelt die Ausstellung „Die Gerufenen“, organisiert von der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen. Ein kritischer Blick auf die Ausstellung findet sich in diesem Artikel.

Presse

Der Freitag berichtet in seiner Online-Ausgabe über unsere Podiumsdiskussion vom 9. Juni.

Workshops 13. Juni, 10-18 Uhr

Samstag, 13. Juni 2009, 10-18 Uhr

Alte Feuerwache, Axel-Springer-Straße 40/41, Berlin-Kreuzberg [Stadtplan]
[U Kochstraße, U Spittelmarkt] Verbindung: VBB fahrinfo - Link (mit Vorbelegung)

Die Räume werden vor Ort angekündigt. Für Catering zwischen in den Pausen ist gesorgt.

10:00 Uhr: Begrüßung und Eröffnung

10:45 Uhr: Erste Workshop-Phase

Workshop: „Deutschlandhaus“

Anhand einer Analyse der 2006 in Berlin gezeigten Ausstellungen „Flucht, Vertreibung, Integration“ (Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland/Deutsches Historisches Museum) und „Erzwungene Wege“ (Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen [BdV]) wollen wir der Frage nachgehen, was Besucher_innen der zukünftigen Dauerausstellung der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ erwartet. Wie wird das Thema „Vertreibung“ inszeniert? Welche Begriffe werden dabei verwendet?

Workshop: „Historischer Kontext“

Wie kam es 1945 überhaupt zur „Flucht und Vertreibung“, was ist die Vorgeschichte und der historische Kontext, wie sah das polnisch-deutsche Verhältnis vorher aus?

13.00 – 13:45 Uhr: Mittagspause mit Catering (auf Selbstkostenbasis)

13:45 Uhr: Zweite Workshophase

„MS Steinbach versenken – eine Mediennachlese“

Erzählungen über deutsche Opfer des Krieges ist in den letzten Jahren zum Kassenschlager geworden. Die öffentlich-rechtlichen Sender produzieren nahezu jedes Jahr einen entsprechenden Film. Zwei davon, Die Flucht (ARD 2007) und Die Gustloff (ZDF 2008), mit jeweils über 10 Millionen Zuschauer_innen, wollen wir uns in einer Filmanalyse genauer anschauen.

Mit dem Input „Tabu Vertreibung?“: Vorstellung und Analyse der seit den späten 40er Jahren existierenden etwa 1.400 lokalen Vertriebenendenkmäler in der BRD.

Workshop: „Angemessene Kontextualisierung“

Anhand zweier Inputs wollen wir die Frage diskutieren, wie ein historischer bzw. inhaltlicher Rahmen aussehen müsste, in dem der Themenkomplex Zwangsaussiedlungen aus emanzipatorischer Sicht diskutiert werden kann. Die Inputs sind:
• Das geplante Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk (Danzig) bemüht sich um eine dezidiert europäische und multiperspektivische Darstellung des Zweiten Weltkriegs, inklusive seiner Vor- und Nachgeschichte. Als einer von zahlreichen Aspekten werden in diesem Kontext auch Zwangsaussiedlungen thematisiert.
• Norman Naimarks Konzept der ‚Ethnischen Säuberung‘ ermöglicht es, Zwangsmigration international und historisch vergleichend zu analysieren. Welche Möglichkeiten, aber auch welche Schwierigkeiten bringt dieses Konzept mit sich?

16:20 Uhr: Abschlusspanel

Erinnerungspolitische Interventionsmöglichkeiten im „Supergedenkjahr ‘09″.
Gemeinsam mit anderen Gruppen und Initiativen, die sich auf dem Feld der Erinnerungspolitik tummeln, wollen wir bisherige Erfahrungen, Ansätze und Kampagnen sowie deren Erfolge und Misserfolge diskutieren. Das soll in einen Austausch über Strategien linker Intervention im Bereich der Erinnerungs- und Geschichtspolitik im „Gedenkjahr ‘09“ und darüber hinaus münden.

Gäste (u.a.): Pink Rabbit, never going home, Antifaschistische Initiative Moabit [AIM].

Alte Feuerwache, Axel-Springer-Straße 40/41, Berlin-Kreuzberg [Stadtplan]
[U Kochstraße, U Spittelmarkt] Verbindung: VBB fahrinfo - Link (mit Vorbelegung)

Die Vertreibungen begannen 1933

Die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft hat eine Petition an den Deutschen Bundestag initiiert. Ziel ist eine Ergänzung der Dauerausstellung im „Zentrum gegen Vertreibungen” aka „Flucht, Vertreibung, Versöhnung”. Es soll darauf hingewiesen werden, dass Künstler und andere Intellektuelle in Deutschland schon seit 1933 vertrieben wurden. (mehr…)

Podiumsdiskussion 9. Juni, 19:30 Uhr

Nach einer langjährigen kontroversen Debatte um das Gedenken an Flucht und Zwangsaussiedlungen von Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Ende 2008 vom Bundestag die Einrichtung der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ beschlossen. In dem „sichtbaren Zeichen“, einer Dauerausstellung, soll insbesondere an „das Leid der deutschen Vertriebenen“ erinnert werden. Taktgeber dieser nationalen Erinnerungsoffensive ist seit Jahren der Bund der Vertriebenen (BdV), der unter der Ägide von Erika Steinbach sein revanchistisches Image abstreifen konnte. Der BdV konnte so Reputation hinzugewinnen und den Resonanzbereich für seine Deutung der „Vertreibungen“ bis in die Mitte der Gesellschaft erweitern. Jedoch wird auch unter Steinbach weiterhin eine Analogisierung mit dem Holocaust betrieben. Mit Begriffen wie ‚Völkermord‘ und ‚Todesmarsch‘ wird sprachlich eine Nähe zur NS-Vernichtungspolitik hergestellt. Die ‚Vertriebenen‘ werden kollektiv als „letzte Opfer des Krieges“ stilisiert, wobei Kontext und Vorgeschichte – die aggressive Minderheitenpolitik des Deutschen Reiches, der Vernichtungskrieg und die Besatzungspolitik der Deutschen –ausgeblendet werden. Mit der Schaffung eines Erinnerungsortes soll diese entkontextualisierte und unkritische Perspektive auf die „Vertreibung der Deutschen“ zementiert werden.
Wir wollen die Auseinandersetzungen um das „sichtbare Zeichen“ reflektieren und kritischen Perspektiven, besonders aus Polen, ein Forum bieten. Schließlich wollen wir diskutieren, welche Möglichkeiten politischer Intervention es zum jetztigen Zeitpunkt noch gibt.

Podiumsdiskussion zum Vertreibungsdiskurs in Polen und Deutschland mit folgenden Gästen:

Dr. Eva Hahn (Oldenburg), Historikerin, Mitinitiatorin des Aufrufs „Für einen kritischen und aufgeklärten Vergangenheitsdiskurs
Eva Hahn verfasste zahlreiche Studien zu den deutsch-tschechischen Beziehungen und zur Geschichte des politischen Denkens im 19. und 20. Jahrhundert. Zur Zeit arbeitet sie mit Hans Henning Hahn über die Geschichte der sudetendeutschen Bewegung im 20. Jahrhundert.

Prof. Dr. Robert Traba (Berlin), Direktor des Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften (CBH PAN)
Robert Traba beschäftigt sich als Historiker und Kulturwissenschaftler mit der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte und der Regionalgeschichte des ehemaligen Ostpreußen. Zuletzt konzipierte er die Ausstellung „My, Berlińczycy! Wir Berliner! Geschichte einer deutsch-polnischen Nachbarschaft“, die derzeit im Ephraim-Palais Berlin zu sehen ist.

Dr. Piotr M. Majewski (Warschau), Historiker, stellv. Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk/Danzig.
Piotr Majewski hat sich als Zeithistoriker umfassend mit den deutsch-tschechischen Beziehungen beschäftigt. Er arbeitete u.a. an den Universitäten in Warschau und München. Seit Juni 2009 ist er stellvertretender Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk.

Dienstag, 9. Juni 2009, 19:30 Uhr
Humboldt-Uni, Seminargebäude am Hegelplatz, Raum 1.1.01, Dorotheenstraße 21, Berlin-Mitte [Stadtplan]
S+U Friedrichstraße, Verbindung: VBB fahrinfo - Link (mit Vorbelegung)

Veranstaltet vom Arbeitskreis Geschichtspolitische Interventionen (AGI). Gefördert u.a. durch Netzwerk e.V. & den Solifonds der Hans-Böckler-Stiftung

Veranstaltung: Jenseits von Steinbach – Geschichtspolitik um das Vertreibungszentrum

„Was haben die Polen bloß gegen diese Frau?“ (Bild-Zeitung 2009)
Jenseits von Steinbach: Geschichtspolitik um das Vertreibungszentrum

Podiumsdiskussion | Dienstag, 9. Juni 2009, 19:30 Uhr [mehr…]
Humboldt-Uni, Seminargebäude am Hegelplatz, Raum 1.1.01, Dorotheenstraße 21, Berlin-Mitte [Stadtplan]
S+U Friedrichstraße, Verbindung: VBB fahrinfo - Link (mit Vorbelegung)

Workshops | Samstag, 13. Juni 2009, 10-18 Uhr [mehr…]
Alte Feuerwache, Axel-Springer-Straße 40/41, Berlin-Kreuzberg [Stadtplan]
[U Kochstraße, U Spittelmarkt] Verbindung: VBB fahrinfo - Link (mit Vorbelegung)

Kontakt: agi.berlin[a]googlemail.com
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Alles in Butter?

So sah es zumindest letzte Woche aus bei einem Treffen zwischen dem deutschen und dem polnischen Kulturminister, die das Europäische Netzwerk „Erinnerung und Solidarität“ wiederbelebt haben, so die Jungle World.